Tim Lemke als Juniorbotschafter an einer amerikanischen High-School

Das bin ich vor meiner Poolesville Highschool
Das bin ich vor meiner Poolesville Highschool

Vor 10 Monaten stieg ich aus dem Flieger und kannte außer meiner Gastfamilie niemanden, mit der ich zuvor nur einmal telefoniert hatte.

Heute neigt sich mein Austauschjahr dem Ende zu und der Abschied von all den Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, rückt immer näher. Doch ich blicke auf ein ereignisreiches und spannendes Jahr zurück, von dem ich persönlich viel mitnehmen werde.

Mein Auslandsjahr hier in Maryland, USA, wurde durch das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) ermöglicht. Dies ist ein Vollstipendium des Deutschen Bundestages in Kooperation mit dem US-Kongress, bei dem ich für Melanie Bernsteins Wahlkreis ausgewählt wurde. In diesem Artikel möchte ich euch von meinen Erfahrungen und Erlebnissen dieses einzigartigen Jahres erzählen. Über meine ersten Eindrücke des ersten Monats könnt ihr hier nachlesen.

Die Schule nahm einen großen Teil meines Alltags ein, doch ich habe das Gefühl, viel gelernt zu haben. Rückblickend war es eine gute Entscheidung, ein paar schwierige Fächer zu belegen: Quantenphysik, „Intro to AI“, und Makroökonomie waren wirklich interessant. Allerdings war ich dann doch sehr viel mit Hausaufgaben beschäftigt, und hätte im Nachhinein die anderen Fächer auf leichterem Level wählen können. Anfangs dachte ich, dass Unterricht nur auf Englisch sehr anspruchsvoll wird, doch man gewöhnt sich viel schneller dran, als ich gedacht hätte. Die meisten amerikanischen Mitschüler helfen oder korrigieren einen auch sehr gerne. Mal ein Jahr in einem komplett anderen Schulsystem zu leben, war sehr erfrischend. Besonders gut haben mir die Treffen mit meinen Clubs gefallen. Das Engagement amerikanischer Schüler sorgt für eine angenehme, motivierte und soziale Schulatmosphäre.

Meine Mittagspause war fast immer eine Stunde lang. Das gefiel mir natürlich sehr, vor allem, weil ich so sehr viel Zeit mit meinen Freunden verbringen konnte. Zwar war es anfangs erstmal schwierig, Freunde zu finden, doch dann habe ich mir einen netten Freundeskreis aufgebaut. Viele Austauschschüler beobachten, dass Freunde finden in den USA einfacher ist als in Deutschland, und dass tiefe Freundschaften dann aber schwieriger zu erreichen sind. Während dies sicherlich auf viele Amerikaner zutrifft, muss ich sagen, dass es bei mir doch sehr anders war. Ich habe zwar nicht besonders viele Freundschaften geschlossen, doch die meisten entwickelten sich schnell zu engen Freundschaften. Ich habe sehr viel Zeit mit meinen Freunden verbracht. Anfangs haben sie mir noch Washington D.C. gezeigt und später im Jahr habe ich oft bei ihnen einfach übernachtet, um viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Wenn mir von diesem Jahr etwas in Erinnerung bleibt, dann sind es auf jeden Fall meine Freunde, die ich hoffentlich mal besuchen gehen kann.
 

Meine Gastfamilie

Das Gleiche gilt auch für meine Gastfamilie. Natürlich kann nichts mit meiner eigentlichen Familie konkurrieren, doch meine zweite Familie ist mir im Laufe der Zeit sehr ans Herz gewachsen. Anfangs fühlt man sich noch wie ein Gast, doch im Laufe der Zeit lebt man sich ein, gewöhnt sich an deren Routinen, bis dann später gemeinsame Insider entstehen. Natürlich läuft nicht immer alles harmonisch, aber das gehört auch dazu. Während ich aus Deutschland eher spontane Planung gewohnt bin, plant meine Gastmutter gerne weit im Voraus. Mit der Zeit haben wir uns jedoch gut aufeinander eingestellt und einen gemeinsamen Mittelweg gefunden. Mit meinem Gastbruder hatte ich außerdem immer viel Spaß und wir haben oft tiefgründige Gespräche geführt. Viel gemeinsam erlebt haben wir auch, so konnte ich meine Gastfamilie nach Florida ins Disneyland begleiten und in Vermont Ski fahren ausprobieren.

Gemeinsam mit Austauschschülern aus aller Welt

Am meisten habe ich mit meiner Gruppe aus Austauschschülern aus aller Welt unternommen: Wir sind gereist, haben Museen und historische Monumente angeschaut und vieles mehr. Als ich nach Amerika kam, hatte ich ehrlicherweise gar nicht richtig auf dem Schirm, dass noch viele andere wie ich hier sind. Die Ehrenamtlichen von meiner Austauschorganisation hier, AFS, haben sehr viele Events und Trips organisiert, sodass ich mich mit den anderen Austauschülern austauschen und anfreunden konnte. Ich bin schon ein bisschen stolz, sagen zu können, dass ich Freunde von jedem Kontinent außer Australien und der Antarktis habe. Sie haben meine Perspektiven sehr geöffnet, und ich konnte viel über andere Länder als die Vereinigten Staaten und Deutschland lernen. Wir haben, wie gesagt, viel miteinander erlebt. So sind wir zum Beispiel für ein paar Tage an den Strand gefahren oder sind gewandert. Mein Highlight war der Trip nach New York City. Das Gefühl, durch die Straßenschluchten zu gehen und dann von oben auf ein Lichtermeer hinabzublicken, ist echt einmalig. Mit meiner Sponsorend-Student Gruppe habe ich auch viele lehrreiche Ausflüge unternommen, so haben wir viele historische oder politisch wichtige Orte besucht, zum Beispiel den Supreme Court, das Holocaust-Museum, oder die Gallaudet University, die einzige Universität auf der Welt für taube Menschen.

Die Rolle als Juniorbotschafter

Als Teilnehmer des PPPs schlüpft man in die Rolle eines Juniorbotschafters. Doch was bedeutet es eigentlich, ein Juniorbotschafter zu sein? Bevor ich nach Maryland kam, war mir das auch nicht so klar. Doch mit der Zeit habe ich es verstanden. Für mich bedeutet es vor allem, Deutschland authentisch zu repräsentieren, kulturellen Austausch zu fördern und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. So habe ich zum Beispiel eine Präsentation über mich und die deutsche Kultur in meiner Englischklasse gehalten. Vor allem geht es aber darum, die Freundschaft zwischen den beiden Ländern aufrechtzuerhalten und zu stärken. Ich glaube gerade in den aktuell so unberechenbaren Zeiten sind langfristige Beziehungen wichtiger denn je. Ich hatte das Glück, nahe Washington, D.C., der Hauptstadt, platziert zu sein. Dadurch hatte ich die einzigartige Möglichkeit, auch konkret in Botschafterrollen zu schlüpfen. Erst durfte ich mich mit ein paar anderen PPP-Stipendiaten mit der Bildungsministerin Karin Prien austauschen bei einem gemeinsamen Lunch. Dann war ich bei einem Austausch mit vielen weiteren Stipendiaten und anderen programmrelevanten Personen mit der fünfköpfigen Berichterstattergruppe für Internationale Austauschprogramme des Bundestages. Bei diesen Gesprächen haben wir uns vor allem darüber unterhalten, wie wir das PPP erleben und wahrnehmen, aber auch darüber, wie sich unsere Sicht auf Deutschland während des Austauschjahres verändert hat. Die Politiker habe ich dabei als sehr bodenständig und interessiert wahrgenommen. Besonders gefreut hat mich zu sehen, wie stark das Programm parteiübergreifend unterstützt wird. Ein weiteres Highlight war die Civic Education Week, eine Bildungswoche in Washington, D.C., bei der wir uns mit anderen Stipendiaten aus den gesamten Vereinigten Staaten intensiv mit dem politischen System der USA auseinandergesetzt haben. Ich hatte dort die Gelegenheit, mit einer Mitarbeiterin eines Senators aus Maryland zu sprechen. Wir nahmen außerdem an einem Podiumsgespräch zwischen einer hochrangigen deutschen Diplomatin und einem hochrangigen amerikanischen Diplomaten teil. Es war sehr inspirierend zu hören, wie sie als Diplomaten auch in schwierigen Zeiten zusammenarbeiten und den Dialog zwischen beiden Ländern aufrechterhalten. 

Vielleicht werde ich mal Diplomat oder Astronaut


Ich glaube, dass mich das Jahr auch persönlich sehr weiterentwickelt hat. Durch das Programm war ich mit der Situation konfrontiert, niemanden hier zu kennen. Ich musste völlig von Neuem starten, einen Freundeskreis aufbauen, und viele Dinge alleine managen. Ich denke, dass dies sehr mein Selbstbewusstsein, meine Selbstständigkeit und meine Fähigkeit, auf fremde Menschen zuzugehen, sehr gestärkt hat. Durch die neue Lebensumgebung, weit weg von zu Hause, aber vor allem durch die vielen internationalen Kontakte, habe ich eine globalere Perspektive gewonnen. Meine politischen und gesellschaftlichen Einstellungen haben sich geschärft, da der Kontrast zwischen den USA und Deutschland mir die Stärken und Schwächen Deutschlands und seiner Kultur aufgezeigt hat. So schätze ich unsere sozialen Systeme, wie etwa unser Gesundheitssystem, nun mehr wert. Als ich erfuhr, mit welchen immensen Studienkosten viele meiner amerikanischen Mitschüler rechnen müssen, war ich sehr dankbar für alles was der deutsche Staat für einen bereitstellt. Allerdings habe ich auch gemerkt, wie unflexibel oder langsam Deutschland bei vielem doch ist. Das Auslandsjahr hat auch meine Zukunftspläne konkretisiert: Ich habe herausgefunden, dass ich in Richtung Physik oder Luft- und Raumfahrttechnik studieren möchte und dass es mein Traum ist, bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu arbeiten. Tatsächlich ziehe ich aber auch eine weitere Option in Betracht: Ich könnte es mir gut vorstellen, als Diplomat für Deutschland zu arbeiten.

Mit vielen neuen Erfahrungen, Freundschaften und Erinnerungen im Gepäck geht mein Auslandsjahr nun zu Ende. Mein herzlicher Dank gilt Melanie Bernstein und Bengt Bergt, der mich ursprünglich für das Programm ausgewählt hat. Ebenso danke ich meiner deutschen Austauschorganisation GIVE, den vielen Ehrenamtlichen meiner amerikanischen Austauschorganisation AFS sowie meiner Gastfamilie, die dieses Jahr zu einer unvergesslichen Erfahrung gemacht haben.